Märkischer Motettenkreis Iserlohn

"Collegium Cantorum" 

Motetten

31. Mai bis 2. Juni, Thomaskirche Leipzig



Weltbekannt ist nicht nur Johann Sebastian Bach, weltbekannt ist auch der Thomanerchor, bestehend aus Schülern des entsprechenden Internats, an dem bereits der Thomaskantor unterrichtete. Jeden Freitag und Samstag gestaltet dieser Chor die „Motette“, ein etwa einstündiges Programm mit geistlicher Chor- und Orgelmusik und einer schlichten Liturgie. Sonntags folgt dann ein liturgisch ausführlicher Sakramentsgottesdienst – alle drei Veranstaltungen in der aufstrebenden Stadt Leipzig trotz geringer Mitgliederzahlen der Kirchen von zahlreichen Touristen bestens besucht.
Das Besondere am vergangenen langen Wochenende: Der Märkische Motettenkreis durfte die Thomaner vertreten. Gut 70 Personen, Chormitglieder und Angehörige machten sich auf den Weg. Neben Proben und den Aufführungen war auch Gelegenheit, die Stadt bei einem geführten Rundgang sowie die Thomaskirche samt Turmbesteigung zu besichtigen. Und auch „Freilauf“, wie es die Stadtführerin auf gut sächsisch nannte, war dabei. Schon das eine Reise wert.

Aber dann gab es natürlich den eigentlichen Zweck der Reise, die kirchenmusikalischen Aufführungen, geleitet von Kantor Dr. Besler, besucht u.a. auch von Dr. Jochen Kirchhoff und seiner Frau Lore, die extra angereist waren. In dem von Dr. Kirchhoff mitfinanzierten Saal des Hortes der Thomasgemeinde, dem Lore-Kirchhoff-Saal, gab es die ersten, internen Darbietungen von drei Motetten.

Der Chor hatte sich viel vorgenommen und dargeboten: Im Mittelpunkt die doppelchörige Motette des Altmeisters „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ – alle liturgischen Texte wiesen ja zwischen Himmelfahrt und Pfingsten auf das Kommen des Geistes hin. So auch die  Choräle, die mit der Gemeinde im Wechsel gesungen wurden – mal im Chorraum, dem ältesten Teil der Thomaskirche, mal vor dem Altar, mal auf der Empore des gewaltigen Kirchenschiffes, das schon zu Bachs Zeiten in seiner jetzigen Wiederherstellung ähnlich ausgesehen haben muss. Wohlwollend blickten der Altmeister, aber auch der Reformator und der andere große Leipziger Kirchenmusiker, Felix Mendelssohn-Bartholdy von den Buntglasfenstern auf das Geschehen. Motetten von Mendelssohn zu Psalmen, u.a. Psalm 22,  aber auch dem besonderen Ort und Geschehen angemessener Lobpreis mit Psalmvertonungen von Vulpius und Schütz, Merkel, Reger sowie weiteren kleineren Werken von Bach und Mendelssohn- Bartholdy, das Kyrie aus Mozarts Requiem aber auch die musikalische Gestaltung der Liturgie und nicht zuletzt die großartigen Orgeldarbietungen des heimischen Kirchenmusikers Böhme rundeten das musikalische Erleben ab. Auffällig für viele: Die stark politischen Ansprachen und Predigten auf dem Hintergrund des Erstarkens rechtspopulistischer Parteien und Gruppierungen.

Dafür machten sich auch studentische Demonstranten in der lebhaften Stadt stark. Eindrücklich das neugestaltete Paulinum am zentralen Augustusplatz mit Oper und Gewandhaus, nun auch wieder mit einer Kirchenfassade dort, wo Honecker einst die Paulikirche, die alte Universitätskirche, sprengen ließ. Interessant beherbergt dieses ausdrucksstarke moderne Gebäude hinter der klassischen Kirchenfassade einen gottesdienstlichen Raum, der ökumenisch genutzt wird, in der Rosette aber bereits Ansatzpunkte für interreligiöse Erfahrungen zwischen Judentum, Christentum und Islam bereithält – dies alles, deshalb auch die Öffnung des Kirchenraumes zur Aula der Universität, im Dialog mit der Wissenschaft heute.  

So lehrt auch die Entwicklung dieser Stadt ein durchaus aktuelles Verständnis des christlichen Glaubens.

Albert Henz, Theologischer Vizepräsident der Ev. Kirche von Westfalen i. R.